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Archipelago

Ich sitze in brauner Kordhose, schwarzen Havaiana-Sandalen und mit einer kühlen Dose White Ale in einem Ferienhaus auf Värmdö und frage mich wieder einmal, was der Sinn des Lebens ist. So etwas kann man kaum aussprechen, ohne fürchterlich anmassend zu klingen. Das ist mir bewusst.

Von Gastautor*in

Text von Gastautor Simon Jud

Dieses latente Suchen nach Antworten auf die elementaren Fragen, das kommt in Schüben. Und jetzt kommt mir dieser Schub gerade recht, ich habe Ferien. Ich blicke aus dem Wohnzimmer in Richtung Archipelago. Das Wort erinnert mich an Aristoteles. Dieser hatte bekanntlich viel zum Sinn des Lebens zu sagen, also fangen wir doch einmal dort an.

Nach aristotelischer Lehre ist der Sinn des Lebens, einen Zustand zu erreichen, den er Eudaimonia nennt. Es ist ein Zustand der Entfaltung, erreicht durch Aktivitäten, die mit den eigenen Werten und Talenten übereinstimmen und die einem Freude bereiten. Eudaimonia ist keine kurzlebige Dopaminausschüttung, sondern das intrinsisch motivierte Verfolgen einer nachhaltigen Tätigkeit.

Mein Blick richtet sich von der kühlen Dose, die sich in meiner Hand liebevoll von den Fingern umarmen lässt, wieder auf das Archipelago. In der Ferne gleitet ein Segelboot über das Wasser. Ich meine, in der Nähe des Bugs die Silhouette eines Skippers zu erkennen. Ob das Segeln wohl seine Eudaimonia ist? Die Tatsache, dass er dieser Tätigkeit an einem Sonntag nachgeht, würde dafür sprechen.

Auch Mill, ein Utilitarist aus dem 19. Jahrhundert, hat sich mit der Sinnfrage beschäftigt. Laut ihm ist Glück das ultimative Ziel des Lebens eines Menschen. Dieses kann durch Aktivitäten erreicht werden, die dem Menschen höhere Freuden bereiten. Damit meint Mill intellektuelle, künstlerische oder moralische Aktivitäten. Daneben existieren tiefere Freuden, die einfachen, kurzlebigen Dopaminausschüttungen. Tiefere Freuden äussern sich zum Beispiel in den einfachen Alltagsbedürfnissen wie dem Essen, Trinken oder gelegentlichem Komfort.

Ich blicke wieder auf das White Ale in meiner Hand. Eine tiefere Freude, wenn man so will. Das Wort «tiefer» soll hier jedoch nicht davon ablenken, dass es sich immer noch um eine Freude handelt. Denn während mir beim nächsten Schluck das Bier – bestens temperiert – die Kehle hinunterfliesst, geht es mir wunderbar. Doch Mill hat Recht, darin ist noch kein Sinn des Lebens auszumachen. Das könnte am ehesten noch ein schnauztragender Craftbier-Yuppie von sich behaupten, aber ich nicht.

Die höheren Freuden, ähnlich wie bei der Eudaimonia, beziehen sich auf Aktivitäten, die dem Leben einen Sinn verleihen. Um solche Freuden erreichen zu können, muss aber auch die Kapazität vorhanden sein, den entsprechenden Aktivitäten nachgehen zu können. Einem Schwein bleiben höhere Freuden mangels dessen verwehrt. Es kann zum Beispiel nicht Klavier spielen, ein liebliches Festmahl mit Freunden zubereiten oder altruistisch handeln. Deshalb sagt Mill auch: «It’s better to be a human dissatisfied than a pig satisfied.» Der Mensch hat die Kapazität, den Aktivitäten nachzugehen, die höhere Freuden bereiten. Und das zu tun, das sei der Sinn des Lebens.

Der Skipper von vorhin macht alles richtig, denke ich. Obschon ich das Boot nicht mehr sehe, stelle ich ihn mir vor. Strahlend und tief zufrieden. Das Boot schaukelt, die Zeit vergeht langsam. Von meinem inneren Schwein getrieben stehe ich auf und hole mir noch ein White Ale aus dem Kühlschrank. Es fühlt sich wieder wunderbar an. Aber Mills hat Recht. Hinter dem mystischen Schleier der Welt verbirgt sich mehr. Ich muss an den Wanderer über dem Nebelmeer denken. Die Sonne geht langsam unter. Ich nehme die Akustikgitarre von der Wand und beginne, eines meiner Lieblingslieder zu spielen. Harvest Moon von Neil Young. Obwohl die Temperatur in der Abenddämmerung sinkt, wird mir etwas wärmer im Herzen, während ich auf dem kleinen Steg am Wasser die ersten D-Akkorde anschlage. Vielleicht sieht mich ja der Segler auf seinem Rückweg. Und die Offenbarung, die seine Existenz mir heute ermöglicht hat, vielleicht kann ich sie reflektieren. Als Dank sozusagen. Er und ich, wir können uns beide freuen, nicht als Schwein geboren zu sein.

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