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Alltagsrassismus und was wir dagegen tun können

«Sie sprechen aber gut Deutsch, für einen Ausländer» – vermeintlich harmlose Verallgemeinerungen und Sätze, ihre Wirkung jedoch gross: Stereotypen werden über Generationen weitergetragen, nur vereinzelte Individuen als Ausnahmen akzeptiert. Wieso das aber problematisch ist und was wir dagegen tun können.

Von Sina Schmid

Wenn Schweizerinnen und Schweizer mit nicht-westlich-europäischen Gesichtsstrukturen in gebrochenem Deutsch angesprochen werden, ist dahinter meist kein böser Gedanke, dennoch ist es ignorant. Unsere Vorstellungen von Herrn und Frau Schweizer sind veraltet, mit über einem Viertel Ausländeranteil ist die Schweiz seit langem vielfältiger als es die meisten Vorstellungen zulassen. Durch diese eingeschränkten Gedanken lassen wir die Diversität und das Geschenk davon links liegen und bewegen uns im Kreis: Schubladendenken.

Für einen «Ausländer», was sie ja meistens sowieso nicht sind, sondern halt einfach nicht arisch aussehen, hat das grössere Folgen. Die Annahmen über Charakter, Bildungsstand, Familiensituation erschweren oft den Alltag, ob bei Job- oder Wohnungssuche: der vermeintliche Alltagsrassismus, also nicht aktiv praktizierter wie derjenige von Rechts-Extremen, ist omnipresent. Nicht nur für die Betroffenen ist solches Schubladendenken ein Verlust, sondern für die gesamte Bevölkerung. Erwartungen gegenüber anderen, welchen sie einfach nie gerecht werden können, erschweren unser Zusammenleben. Nicht alle Musliminnen tragen Kopftuch, nicht alle Asiaten essen Reis zum Frühstück, nicht alle Kosovaren arbeiten auf dem Bau und fahren BMW, nicht alle Juden haben Löckli und tragen Kippa.

Annahmen zu treffen ist menschlich und ein Kategorisierungs-Mechanismus unseres Gehirns. Wir können so viele Optionen und Eindrücke gar nicht offen lassen, sondern kategorisieren anhand von Erfahrungen. Beim Rassismus ist es aber so, dass diese Kategorien schon vor persönlichen Erfahrungen abgeschlossen sind, gut und böse, schlau und dumm, arm und reich. Das alles beurteilen wir meistens anhand von Vorgelebtem und Vorgedachtem. Und auch wenn jemand eine schlechte Erfahrung mit einem Menschen hatte, hatte er diese gewiss nicht mit einer ganzen Kultur oder Ethnie. 

Für erste Gedanken können wir nichts und wir müssen uns dafür auch nicht schämen. Für Zweite und alle weiteren aber schon. Wir können uns mehr steuern als den meisten Menschen bewusst ist. 

Gesagtes und Gedachtes wird von unserem Gehirn verarbeitet und aufgenommen. Oft teilen wir unsere Gedanken und sie werden weitergetragen. Heisst in diesem Fall: Rassistisches Gedankengut verbreitet sich, ob wir das nun wollen oder nicht. Ausgetragenes wird weitergetragen. Somit liegt es an uns zu kontrollieren, was zirkulieren soll. 

Besonders Kinder werden stark geprägt von Allem, was ihre Eltern oder andere Erwachsene ihnen vormachen. Somit liegt es in unsere Verantwortung sicherzustellen, dass wir diese Kästen sprengen. 

Wenn ich sage, dass es unsere Verantwortung ist, dann spreche ich von jedem Einzelnen. Ob es nun heisst, einem Arbeitskollegen zu erklären, wieso dessen Sprüche auf verschiedene Ohren stossen können, welche es eben genau so «nicht böse meinen», beziehungsweise wieso es einfach scheisse ist, oder ob wir eine Freundin aufklären wieso sie beleidigende Begriffe lieber nicht sagen soll: Wir sind alle zuständig.

Rassismus betrifft nicht nur Betroffene, sondern jede und jeden. Jüngste Ereignisse haben gezeigt, dass Staatsorgane entweder überfordert oder gar selbst Initianten von rechts-radikalen Machenschaften sind. Hanau 2020 sollte allen ein Begriff sein.

Um weitere Gräueltaten zu vermeiden müssen wir klein anfangen, meistens bei uns selbst. Wir müssen uns hinterfragen woher unsere Gedanken und Ideen kommen, wir müssen Verantwortung tragen auch wenn wir vielleicht nicht Auslöser sind. Ob das jetzt Aufklärungsversuche, Zurechtweisungen oder einfach korrektes Verhalten ist: Take your part!