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20 Jahre danach – Balkan, wie geht es dir heute?

Geflüchtete Eltern und ihre Kids, ob aus wirtschaftlicher Not oder vor den Jugoslawienkriegen: Ex-Jugos. Von uns gibt es in der Schweiz ziemlich viele. Und auch hier scheinen die Konflikte omnipräsent. Witze über die Feindseligkeit von Kroaten und Serben oder Kosovaren und Serben sind alltäglich. Aber wie steht es eigentlich um die Länder 20 Jahre nach Ende der Kriege?

Von Sina Schmid

Am 27.06.1991 begannen die Jugoslawienkriege, und endeten ganz offiziell erst 2001 – langersehnte Erlösung eines Blutbades, leider nur vermeintlich. Kriegerische Aktivitäten sind zwar eingestellt, aber der Kampf geht für die meisten Staaten weiter. Ob Feindseligkeiten untereinander oder innenpolitische Schwierigkeiten: Es scheint als kämen viele Gebiete auf dem Balkan nicht zur Ruhe. Wie steht es um die Ex-Jugoslawischen Staaten 20 Jahre nach dem Ende des Krieges?

Beginnen wir mit den Staaten: Slowenien, Montenegro, Kroatien, Serbien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo und Nordmazedonien. Wie steht es um sie? Wirtschaftlich sowohl als auch gesellschaftlich hat sich seit den Kriegen einiges getan. Nehmen wir aber alle Länder einzeln unter die Lupe.

Slowenien, das Land welches als erstes seine Unabhängigkeit errreicht hatte, steht allgemein gesehen von den Ex-Jugoslawischen Ländern am besten da. Schon 2003 bzw. 2004 trat Slowenien der Europäischen Union bei, da alle Aufnahmekriterien erfüllt wurden. Allgemein gesehen ist der doch eher junge Staat sehr stabil. Besonders innenpolitisch zeigen sich grosse Unterschiede zu den anderen Ex-Jugo Staaten. 2019 lag der Korruptionsindex weit unter dem weltweiten Durchschnitt, sogar unter dem europäischen mit 40 Punkten. Der Korruptionsindex zeigt auch klar Sicherheit und wirtschaftliche sowohl als auch gesellschaftliche Stabilität auf. Länder wie die Schweiz, welche in der Welt der Ökonomie mit Beispiel voran geht, hatte 2019 eine Punktzahl von 15. Je tiefer die Zahl desto weniger ist das Land von Korruption im öffentlichen Sektor betroffen.

Das BIP pro Kopf, also Bruttoinlandsprodukt, welches die Wirtschaftsleistung eines Landes in Bezug zu dessen Bevölkerung in einer Ziffer darstellt, war 2019 auch viel höher als die der Nachbarstaaten. Es betrug sage und schreibe 25’992 USD, doch diese Ziffer ist noch viel aussagekräftiger, wenn mit anderen Ländern verglichen wird. 

Auch das Migrationssaldo 2018 zeigt einiges auf: Mit 28’466 Eingewanderten und bloss 12’527 Ausgewanderten scheint es, dass viele Menschen A, an Slowenien glauben und eine stabile Zukunft klar erwarten, und B, das Land auch gesellschaftliche Sicherheit aufweist. Das kleine Land hat grosses Potential, innenpolitische Ruhe und wirtschaftlichen Willen. Zwar ist Slowenien auch ein Ex-Jugo Staat, aber hat es bei weitem am besten geschafft sich an die westlichen Mitspieler anzupassen.

Montenegro, das kleine Land an der Adria ist seit 2006 auch unabhängig von Serbien. Nach dem Zerfall von Jugoslawien schlossen sich diese zwei Staaten zusammen. Neben den Montenegriner, machen Serben den grössten Anteil der Bevölkerung aus. Besonders beliebt bei vielen der Diaspora als Ferienziel – günstige Ferienhäuser ermöglichen den Traum vom Haus am Meer. Das Land lebt praktisch nur vom Tourismus. 2019 Betrug das BIP in Montenegro rund 8’855 USD, also mehr als halb so viel wie Slowenien.

Der Korruptionsindex 2019 zeigt einen Wert von 55 an, weit über europäischem Durchschnitt.

Dennoch ziehen es viele Pensionierte vor, in Montenegro in den Ruhestand zu ziehen, statt in ihren Heimatstaaten wie Serbien oder Kosovo, dort wo sie am Meer ihre schönsten Jahre doch günstig aber in vertrautem Umfeld verbringen können. 

Kroatien, das zweite Ex-Jugo Land welches es 2013 in die EU geschafft hat. Nach doch eher langen Verhandlungen war es dann tatsächlich geschafft: Die Hoffnung für das Land riesig, Erwartungen der Bevölkerung gross. Viele hofften, dass nach dem Beitritt die Wirtschaft boomen und die Korruption sinken wird. Leider sind beide Szenarien nur teils und in sehr kleinem Ausmass eingetroffen. 

2019 hatte Kroatien einen Korruptionsindex von 52 Punkten, 12 über Slowenien. Das BIP 2019 betrug 14’853 USD, zwar einiges mehr als in Montenegro, jedoch können sie mit Slowenien noch nicht mithalten. Das Land muss sich stetig neuen Herausforderungen stellen. Ob Erdbeben oder innenpolitische Krisen – es hat von allem genug. Der Glaube an die Regierung schwindet stetig. Zig Junge verlassen das Land und ziehen mit Hoffnung auf Arbeit und Halt in den Westen. Etliche junge Erwachsene sind studiert, kriegen aber ohne Vitamin B schwer gutbezahlte Stellen. Es ist keine Seltenheit, dass Studierte mit Master plötzlich am Kiosk arbeiten, oder Uber Fahrer werden. Eine bessere Zukunft verspricht Deutschland oder Österreich und die Schweiz. Seit dem Beitritt in die EU zieht es vermehrt Kroaten in diese Länder, da die Einreise bzw. Arbeitserlaubnisse vereinfacht zu erlangen sind.

Zwar hat das Land unglaubliches Potential, doch die Korruption und andere soziale Missstände scheinen es stetig zurückzuhalten. Dennoch ist das Volk sehr Stolz, und das zurecht. Den meisten Herausforderungen stellt sich die Bevölkerung vereint, wie letztens in Petrinja und Sisak erneut bewiesen. Nach verheerenden Erdbeben verlor ein grosser Teil der Stadtbewohnenden ihre Häuser, viele mussten in Zelten ausharren, das bei Minustemperaturen. Doch das Land kam zusammen, Menschen offerierten ihre Ferienwohnungen und Häuser, sammelten Kleider und Lebensmittel, aus einer Notlage wurde eine herzerwärmende Szene.

Kroatien hat auch den längsten Abschnitt am Meer, praktisch die ganze Küste gehört zu Kroatien. Klares Wasser und schöne Strände machen das Land als Ferienziel attraktiv.

Serbien, einst Hochburg Jugoslawiens, die Hauptstadt Belgrad war auch zur Zeit Titos Epizentrum politischer Entscheidungen (Belgrad war die Hauptstadt von Jugoslawien), scheint verloren in Raum und Zeit. Das Volk ist Stolz und auch dieses Land hätte sehr viel wirtschaftliches und gesellschaftliches Potential, aber besonders die Verluste in den Kriegen machten dem Land auch jüngst zu schaffen. Die Opfer-Täter-Verteilung ist klar nicht zugunsten Serbiens geschehen, das Land schien lange, ja auch jetzt noch das Kreuz der «Täter» auf dem Rücken zu tragen. Dennoch hat es Serbien geschafft Touristen anzuziehen, zwar haben sie keinen Zugang zum Meer, aber sie überzeugen gerne mit ihrer Gastfreundschaft und guten Ess- beziehungsweise Genusskultur. Bars und Clubs scheinen in Serbien aus dem Boden zu schiessen. Besonders Junge Touris geniessen die günstigen Preise für das tolle Erlebnis in der Hauptstadt. 

Innenpolitisch gibt es aber stetig Tumulte. Polarisierende Staatsoberhäupter und fragwürdige Verteilungen öffentlicher Ämter lassen die Bevölkerung stutzen. Mit einem Korruptionsindex von 61 Punkten ist Serbien nur knapp unter dem von Bosnien und Herzegowina, einem klar eingestuften Drittweltland. Das BIP belief sich 2019 auf 7’382 USD, das ist weniger als in Montenegro. Das serbische Volk hat auch mit viel Frust zu kämpfen. Einst Diamant Jugoslawiens scheint das Land an Glanz verloren zu haben. Durch stetig neue Konflikte mit dem Kosovo, welches der serbische Staat nicht als unabhängiges Land anerkennt, gerät Serbien oft in Verruf.  

Auf dem Balkan selbst spielt das Land noch eine grosse Rolle, beispielsweise die Musikbranche des Balkans wird von serbischen Künstlerinnen und Künstlern dominiert. 

Bosnien und Herzegowina, Land im Herzen Ex-Jugoslawiens. Das kleine Land hat es wahrscheinlich am härtesten getroffen, wenn wir die Folgen des Krieges in Betracht ziehen. Vor und nach dem Krieg lebten am meisten verschiedene ethnische Gruppen in BiH, kurz für Bosnien und Herzegowina. Bosniaken, Serben, Kroaten sowohl als auch Roma und Sinti wechselt sich Dorf für Dorf die Bevölkerungsmehrheit ab. Was interessant ist: Nach dem Krieg durfte auf bosnischem Gebiet ein semi-autonomer Staat gegründet werden, die Republika Srpska, diese wurde im Dayton-Friedensabkommen 1995 als eine der zwei Entitäten BiH’s anerkannt.

In Bosnien gibt es verschiedene positive wie negative Entwicklungen seit dem Krieg. Wo vor dem Krieg die verschiedenen Gruppen friedlich funktionierten, kapseln sie sich nun vermehrt ab. Die Wut und der Schmerz des Krieges steckt vielen noch in den Knochen, das Land konnte sich noch nicht wirklich aufrappeln. Bosnien gilt auch heute noch als Entwicklungsstaat, ein Land mit enormen Schätzen. 

2019 lag der Korruptionsindex BiH’s bei 64 Punkten, das sind sage und schreibe 24 Punkte über Sloweniens. Junge verlassen das Land wo sie nur können, nur Bosniaken, also der muslimische Teil der Bevölkerung BiH’s bleibt eher als die kroatischen oder serbischen Bürger.  

Das Schwierige ist auch, dass bosnische Serben und bosnische Kroaten sich meistens an zwei Orten zuhause fühlen. In Bosnien aber auch in Serbien/Kroatien. Obwohl sie dort meistens nur Verwandte haben und nie gelebt haben sehen sie sich genauso als ein Teil dieser Staaten an. Bosniaken haben nur ihr BiH, aber es reicht ihnen vollkommen. 

Ganz allgemein hat der Wunsch von Staatsangehörigkeit in Jugoslawien früh zum Konflikt geführt. Der nationale gar fast nationalistische Stolz dieser Ethnien hat nicht friedensfördernd gewirkt, das sei gesagt.

Das BIP betrug 2019 6’015 USD, auch hier weit unter Montenegros. Eine doch interessante Entwicklung welche auch klar durch die Armut des Landes zu erklären ist, ist die vermehrte Islamisierung in BiH. Kein anderes europäisches Land hatte so extrem mit Islamisten und IS-Kämpfern zu kämpfen, durchschnittlich ziehen am meisten Bosniaken in den Djihad. Es gibt gar Städte welche von der Öffentlichkeit abgegrenzt leben, in welcher teils die Scharia das Rechtssystem BiH’s ersetzt. Hier muss aber auch angemerkt werden: Die allermeisten Bosniaken leben weder extremistisch noch unterstützen sie extremistische Machenschaften. Viele schämen sich für die Kämpfer und hoffen auf baldige Besserung der wirtschaftliche Lage um die erfolgreiche Rekrutierung der Terroristen zu stoppen.

Kosovo, erst seit 2008 offiziell Unabhängig (von 115 der 193 Mitglieder der UNO) ist ein kleines Land mit grossem Stolz. Das Volk musste wahrscheinlich am meisten Unterdrückung über sich ergehen lassen. Lange und auch heute noch, werden Kosovaren von Serben schikaniert und auch nicht als unabhängig anerkannt. Kosovo ist arm aber Kosovo macht eine rasante Entwicklung durch. Das Land entpuppt sich für viele als tolles Reiseziel, mit tollen Lokalen und unglaublicher Gastfreundschaft beweist das Volk ökonomisches Flair, auch wenn sie es mit den Regeln nicht immer so ernst nehmen. 

Das BIP 2019 belief sich auf 4’418 USD, bis jetzt am wenigsten von den Ex-Jugo Staaten. Seit 2016 ist kein Wert des Korruptionsindex bekannt jedoch ist der Kosovo eines der korruptesten Ländern Europas.

Innenpolitische Instabilität und Angst erschweren den Kosovaren das Leben. Das Volk hat lange für ihre Unabhängigkeit gekämpft, für viele ist jetzt die Verlustangst des Gewonnenen ein Problem. Das Volk ist sehr Stolz, dass ist allgegenwärtig bekannt, besonders viele Kosovaren hat es während bzw. nach dem Krieg in die Schweiz gezogen, wo viele gutes Geld verdienen können um früh wieder in den Kosovo zurückzukehren. Von den Kosovaren hat sich für viele Schweizerinnen und Schweizer ein klar definierter Stereotyp entwickelt. Zu Unrecht, denn wie so oft, steckt vielmehr dahinter. Kosovaren bewiesen Durchhaltevermögen, von vielen Staaten nicht als eigenes Land akzeptiert mussten sie es allen beweisen. Tumulte und Aufstände im Landesinneren auch selten überraschend. Für die Friedensförderung wurde ein Trupp der Schweizerarmee, KFOR Swisscoy, in Bosnien sowohl als auch Kosovo stationiert. Im Auftrag der NATO soll die Einheit vor Ort Friedensfördern sowohl als auch aufbauend mitwirken. 

Musikerinnen und Musiker aus dem Kosovo werden neu auch international extrem gefeiert, ihre Musik boomt nicht nur in Europa. So konnten sich die jungen Künstlerinnen und Künstler eine ganz eigene Handschrift aneignen. Auch wenn man den Text nicht versteht sind viele Lieder riesen Hits. Auch Künstlerinnen wie Rita Ora, Dua Lipa und Bebe Rexha feiern grossen Erfolg, ihre Wurzeln haben sie im Kosovo. 

Nordmazedonien, seit 1991 bzw. 1992 ohne viel Aufstand unabhängig. Das kleine Land hatte mit Griechenland zu kämpfen weil die Flagge als respektlos gegenüber der nordgriechieschen Region Mazedoniens empfunden wurde. Flagge wurde angepasst und prompt gab es keine Probleme mehr. Naja, ausser der erste Name «Mazedonien», dieser musste zu Nordmazedonien geändert werden. Innenpolitisch hat auch dieses Ex-Jugo Land Spannungen. Verschiedene Ethnien und verschiedene Bedürfnisse erschweren das friedliche Zusammenleben stark. Zwar möchte das Land gerne der EU beitreten, zurzeit ist dies aber Wunschdenken. 

Das BIP Betrug 2019 6’109 USD, also knapp über dem von BiH. Der Korruptionsindex lag 2019 bei 65, also auch knapp über dem von BiH, was ja in diesem Fall etwas Negatives ist. Oft wird der junge Staat als Teil Ex-Jugoslawiens vergessen, da zu den westlichen Staaten eine stärkere Verbindung besteht. 

Auch Nordmazedonien ist einem Krieg zum Opfer gefallen, die Bürger oft verarmt.

Diese kleine Analyse der Ex-Jugo Länder ist recht düster, aber Einiges ist noch zu erwähnen.  

Alle Länder, alle Ethnien des Balkans haben Gemeinsamkeiten welche oft vergessen werden. Die Lebensfreude und Gastfreundschaft macht diese Region Europas aus. Für jeden hat es genug Platz am Tisch, es wird getrunken und getanzt. Auch wenn Kriegsbedingt einige Streitigkeiten noch aktuell sind, besteht dennoch eine gewisse Verbundenheit untereinander. Jedes Land hat seine eigene Geschichte und Kultur und sollte trotz der Armut nicht einfach verurteilt werden. Eine Reise durch Ex-Jugoslawien lohnt sich nicht nur für das gute Essen und die atemberaubende Natur, sondern auch um sich das eigene Privileg der politischen und wirtschaftlichen Sicherheit erneut vor Augen zu führen. 

Und wer nach diesem Artikel denkt, die Staaten seien in jeglicher Form schwach unterschätzt diese Völker massiv. Ihre Sturheit wird es noch schaffen sie erneut zum Reichtum zu bringen.

14. Januar 2021